Musikalisches Talent

– wer das sein könnte und welche Gefahren sie in sich tragen.

Kaum ein SchülerInnenkonzert vergeht ohne dieses eine Kind, das besonders jung und obendrein noch unverschämt gut spielt. Kaum ein Schülerinnenkonzert vergeht ohne – Achtung Stereotyp! – eine ältere Dame mit dem folgenden Satz auf den Lippen:

„Oh, der Junge hat aber auch Talent.“

Musikalisches Talent ist in der Musikpädagogik allgegenwärtig. Nur bitte! – Fragen Sie auf keinen Fall nach, was genau wir damit meinen, wenn wir Ihnen erklären, Ihre Tochter wäre ganz besonders talentiert.

Wenn Sie „Musikalisches Talent“ in Google Scholar eingeben, finden Sie in etwa 23.900 verschiedene Suchergebnisse und unter diesen schätzungsweise 57.485,5 verschiedene Definitionen dessen, was dieses Begriffspaar zu bedeuten hat. Worüber also reden wir hier eigentlich?

Definitionsversuche

Eine Professorin für Psychologie, deren Name ich hier aus Angst, sie möglicherweise inkorrekt zu zitieren, nicht nennen werde ;-), erklärte mir einmal Talent als etwas, das sich näherungsweise als „genetische Disposition“ benennen ließe. In diesem Verständnis war Talent, stark vereinfacht gesagt, eine Art Rahmen des Möglichen, der die Grenzen dessen, was wir zu lernen imstande sind, festlegt. Mit der Frage aber, wo wir uns innerhalb dieses Rahmens bewegen – also ob wir unser Potenzial nutzen –, hat diese Disposition wenig zu tun. Das ist es nicht, wovon Oma Berbel redet, wenn sie ihren Enkel zum „Naturtalent“ degradiert. Was dann?

Und jetzt wird es diffus. „Ja, der Junge setzt sich halt ans Klavier und kann dann einfach spielen. Ich könnte sowas nicht.“ – und damit hätten wir die allgemein gültige Definition musikalischen Talents bestimmt. Leider ist diese relativ unbrauchbar, aber hey! Vielleicht übernehmen wir den Grundgedanken und verstehen musikalisches Talent als jene Fähigkeit, die das Erlernen einer musikalischen Tätigkeit (Singen, Viola spielen etc.) ermöglicht? …oder vereinfacht? Jedenfalls die halt zum Erfolg führt.

Weiter verfolgend ließe sich dies nun peu à peu ausdifferenzieren. Zunächst wäre eine Art auditive Begabung hilfreich, also die Fähigkeit, musikalische Tonhöhen und Rhythmen voneinander zu unterscheiden und sie sich kognitiv vorstellen zu können. Eine Memorierfähigkeit wäre notwendig. Körpergefühl! – also eine kinästhetische Intelligenz. Intelligenz – gutes Stichwort – man braucht eine hohe Auffassungsgabe, räumliches Vorstellungsvermögen, und damit hätten wir nicht einmal das rein technische Instrumentalspiel gefasst. Jetzt soll der Junge auch noch raffiniert interpretieren. Wir brauchen – im Sinne Gardners – also eine Art emotionale und soziale Intelligenz, die es dem Knaben ermöglicht, überhaupt etwas „Musikalisches zu erzählen“. Verspielen darf er sich natürlich nicht: Selbstbewusstsein ist also absolut unabdingbar. Das alles und noch sieben Mal mehr meinte Oma Berbel, überzeugt von dem Talent ihres Schützlings – ob sie das alles wirklich dabei im Kopf hatte, ließe sich sicherlich diskutieren, aber dass all dies in irgendeiner Art und Weise in ihrem Ausdruck mitschwang, halte ich für plausibel.

Was leider bei solchen Phrasen seltenst mitschwingt, ist ein ganz anderer Faktor: Ehrgeiz. Motivation, Durchhaltevermögen, Selbstdisziplin – ungeachtet dessen, welchen schlechten Ruf dieser Begriff hierzulande hat –, Frustrationstoleranz, strategische Raffinesse – das ist in aller Regel nicht Teil des Berbel’schen Talentbegriffes.

Warum nicht? Ist all das weniger relevant? Oder hängen wir einfach zu sehr an den märchenhaften Narrativen des Wunderknaben, dem die Musik schlicht in die Wiege gelegt wurde?

Ein in der Forschung anerkanntes Konzept, Talent zu fassen, ist das Talent Development in Achievement Domains Modell. Das TAD-Modell definiert musikalisches Talent nicht als statische Eigenschaft, sondern als dynamischen, langjährigen Entwicklungsprozess. Es betrachtet Talent als das Potenzial, das durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren über die Zeit hinweg zu außergewöhnlichen Leistungen führen kann. In der ersten Phase beim Erlernen eines Instrumentes spielen diesem Modell nach vor allem allgemeine kognitive Fähigkeiten (wie Gedächtnis und Intelligenz), Persönlichkeitsmerkmale (wie Offenheit für Neues), motivationale Faktoren, intuitive Hör- und Produktionsleistungen sowie ein emotionales Verständnis von Musik eine wichtige Rolle. Hier schon sehen wir, wie wenig „musikalisch“ diese Teiltalente sind. Der Aufbau von Kompetenz – das eigentliche Erlernen des Instrumentes – ist allerdings noch gar nicht Bestandteil dieser Phase. Was nun wichtig wird, ist die Fähigkeit zum selbstständigen und zielgerichteten Lernen, musikbezogene Einstellungen (z. B. ein positives Selbstkonzept und die Überzeugung, dass man sich verbessern kann – auch alsGrowth Mindset“ bekannt) sowie musikalische Leistungsbereitschaft.

Oma Berbels Talentbegriff taucht hier, jetzt wo es ernst wird, gar nicht mehr auf.

Gut, das sind Wissenschaftler und ihre Theorien. Sollte Sie so etwas nicht überzeugend finden, lassen Sie es mich mit etwas anekdotischer Evidenz versuchen:

Als ich vor einigen Jahren als Musikschullehrer anfing, betreute ich von einem Tag auf den anderen fast ein Dutzend junger Schülerinnen und Schüler jeweils im Einzelunterricht. Die allermeisten blutige Anfänger. Darunter waren einige, von denen Berbel begeistert gewesen wäre: ein ausgezeichnetes Gehör, flinke Finger, eine wahnsinnige Verarbeitungsgeschwindigkeit und und und. Ja, und dann verbleibt da eben noch so ein Rest: Schülerinnen und Schüler, die damit kämpfen, ihre Finger getrennt voneinander zu bewegen, für die die Koordination zwischen rechter und linker Hand zur Mammutaufgabe wird, denen es schwerfällt, Dur und Moll klanglich voneinander zu unterscheiden und und und.

Und natürlich merkt man den Unterschied. Schon in der zweiten Stunde sind die „talentierten Schülerinnen“ dem „Rest“ weit voraus, nach zwei Monaten scheinen sie in unerreichbarer Ferne, aber wirklich ersichtlich wird die Kluft dann im zweiten Jahr beim ersten Schülervorspiel. Allerdings sind es jetzt die Kandidatinnen des Restes, die mit zweistimmig-polyphonen Werken trumpfen, während Berbels Naturtalente sich mühsam an einfachen Melodien abarbeiten. Was ist geschehen?

Zwei Schüler. Zwei Karrieren.

J hat sich schon vor seiner ersten Klavierstunde seine Lieblingslieder herausgehört, die Koordination der Finger fällt ihm von Anfang an leicht, noch dazu hat er eine rapide Auffassungsgabe. M dagegen muss all dies erst Schritt für Schritt erarbeiten. Peu à peu lernt er zu hören, ob der gesuchte Ton über oder unter dem vorherigen liegt, übt sich aufwendig in der Unabhängigkeit der Finger, aber er bleibt dran und meistert eine Stufe nach der anderen. Langsam, aber kontinuierlich. J spaziert derweil fröhlich zehn Stufen über M und ist dort zunächst sehr glücklich, bis er eines schicksalshaften Tages an eine Mauer stößt. Ein bisher ungekanntes Problem, eine diesem Namen gerecht werdende Herausforderung. Schnell merkt er, dass er hier nicht ohne Weiteres weiterkommt, ändert die Richtung und erkundet die Flächen links und rechts von sich. M rackert sich derweil Stufe um Stufe nach oben, bis er eines Tages J auf seiner Ebene begegnet. M grüßt ihn freundlich, sieht die Mauer, erkennt sie als das, was sie ist: eine zu erklimmende Stufe, holt Seil und Haken aus seinem Rucksack und beginnt, die Barriere vor ihm Stück für Stück zu erklimmen, wie er es schon viele Male zuvor tat und noch viele weitere Male tun wird. J verbleibt derweil zunehmend frustriert auf einer flachen Ebene erkundend, bis er schlussendlich erkannt zu haben glaubt, dass diese Wanderung schlicht nichts für ihn sei. Er gibt auf.

Ich spare mir zu erklären, worauf ich mit dieser Allegorie hinauswill. „Talent“, so „musikalisch“ es auch sei, ist kein verlässlicher Prädiktor für musikalischen Erfolg. Ganz im Gegenteil kann die Gewöhnung daran, dass einem die Musik einfach „zufliegt“, daran hindern, all diese Fähigkeiten aufzubauen, die von einer Veranlagung zu Kompetenz und von Kompetenz zu Erfolg führen.

Heißt das, dass „Talent“ meiner Tochter schadet? Nein, natürlich nicht. Aber sollte sich Ihre Tochter bei mir für Klavierstunden bewerben, raten Sie ihr, nicht von ihrem Talent, sondern von ihrer Motivation zu berichten, um ihre Chancen, aufgenommen zu werden, zu erhöhen. Reden Sie doch allgemein weniger von „Talent“ und mehr von den tausenden Eigenschaften, die wir eigentlich damit meinen. Und vor allem: Seien Sie nicht Oma Berbel, und seien Sie sich darüber im Klaren, dass das, was diese Jungen da vorne am Flügel so weit gebracht hat, nicht (oder kaum) auf ihren Musikantenknochen zurückgeht, sondern in allererster Linie ihrem ehrenwerten Ehrgeiz zu verdanken ist. Ermutigen Sie vermeintlich Untalentierte, den Einstieg trotzdem zu wagen, und mahnen Sie die vermeintlich Talentierten, dass Wachsen ein aktiver Prozess ist und Motivation dessen Motor